Brief von Prof. Dr. Eugen Blume

An

Ephraim Gothe
Bezirksstadtrat Mitte
Müllerstraße 146

13353 Berlin

Sehr geehrter Herr Bezirksstadtrat Gothe, sehr geehrte Mitglieder des Bezirksamtes Mitte,

da ich seit 2016 nicht mehr in Berlin wohne, habe ich die Streitigkeiten um das Monbijou-Theater und seine drohende Vertreibung erst vor wenigen Tagen wahrgenommen. Unabhängig davon, was für berechtigte Beweggründe für Ihre Entscheidung vorliegen mögen, diese Spielstätte aufzuheben, gehe ich davon aus, dass, wenn es um einen ernstzunehmenden und wichtigen Beitrag zur Kultur dieser Stadt geht, Wege gefunden werden können, ihren Fortbestand zu ermöglichen. Ich muss hier nicht die Geschichte dieses einzigartigen Ensembles aus Märchenhütten, Sommertheater, Freiluftgaststätte und Tanzfläche am Spreeufer gegenüber dem Bodemuseum wiederholen, die Ihnen und allen an der Kultur interessierten Berliner, auch weit über unsere Stadt hinaus bekannt sein dürfte. Was ich aber gerne mit vielen anderen Stimmen wiederhole ist, dass diese Initiative längst zu einer Instanz geworden ist, zu einem kulturellen Beitrag mitten in Berlin, den ein besonderer künstlerischer Charakter von hoher Qualität auszeichnet. Im Sommer in dem temporären Amphitheater die Rückkehr der Commedia dell'arte, des freudigen, von jeder intellektuellen Verkrampfung freien, dennoch geistreichen Spiels zu erleben, war ein hoher Genuss. Dieses Volkstheater im Sinne Molières schloss auf eine intelligente Weise eine in den Programmen der etablierten Theater dieser Stadt zu verzeichnende Lücke. Diese besondere künstlerische Gemeinschaft wurde immer besser, auch im unkonventionellen Märchenspiel zur Freude aller Kinder und Eltern, die das Glück hatten, Karten in den stets ausverkauften Häusern zu bekommen. Wer Gelegenheit hatte, im Sommer und im Winter das jeweils anders geartete Treiben in und rings um diese Spielstätte zu beobachten, war vom dem seltenen Glück beseelt, inmitten dieser großen Metropole mit ihren unzähligen kulturellen Angeboten ein von einer engagierten Mannschaft getragenes unvergleichliches Lebenstheater zu genießen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ansonsten wache und kritische Berlin diesen Verlust einfach hinnehmen wird. Es war für mich ohnehin unvorstellbar, dass es irgendein Interesse geben könnte, diese Spielstätte in Frage zu stellen. Jeder Stadtbezirk dürfte über diese künstlerische Bereicherung allenfalls glücklich sein. Sicher handelt es sich um einen prominenten Standort unweit der prächtigen Museumsinsel. Aber gerade die Nähe zur musealen Hochkultur und dem der Erholung und dem Spiel dienenden Monbijoupark schafft einen größeren Reiz als in irgendeinem abgelegenen Hinterhof. Die poetisch genutzte Jahrmarktsatmosphäre, der herrliche „Budenzauber“ des Theaters und seine vitale Direktheit verliehen dem Ganzen einen nirgends sonst zu findenden Charme.

Ich habe lange Jahre den Hamburger Bahnhof-Museum für Gegenwart geleitet und war und bin mit der kulturellen Entwicklung dieser Stadt verbunden. Als dieses Experiment auf dem ehemaligen Bunkerdach am Rande des Monbijouparks begann, waren wir von der unkonventionellen Theaterform, von der abenteuerlichen Rettung und Verpflanzung russischer Blockhäuser und natürlich von dem Spiel begeistert. Diese aus der schieren Freude am Spiel entstandene Institution zerstört zu wissen, wäre unerträglich. Die freie und selbstbestimmte Initiative der Erfinder des Monbijou-Theaters hat der Kulturlandschaft Berlins in den letzten Jahren außerordentlich gut gestanden. Warum wird nun im Jahr 2019 das Ende eingeläutet? Dass interne Reibereien, Konkurrenzen, Eitelkeiten, Sprunghaftes und was immer unter kreativen Menschen üblich ist, künstlerische  Unternehmen mitunter in unsichere Fahrwasser treibt, sollte für in dieser Hinsicht unbelastete Administratoren kein Grund sein, Verträge aufzuheben und Verbote zu erteilen. Sollten die Zeiten etwa vorbei sein, in denen derartige freie Projekte gefördert, zu bewundern und zu genießen waren? Die große Anziehung, die diese Stadt auf das internationale Publikum ausübt, verdankt sich nicht nur den etablierten Einrichtungen, sondern gerade diesen ungewöhnlichen Orten.

Deshalb meine Bitte an Sie und alle, die politisch für den Fortbestand des Theaters am Monbijoupark Verantwortung tragen, sichern Sie durch welche Auflagen auch immer die Zukunft dieser einmaligen Spielstätte, die David Regher, Christian Schulz und ihre Mitstreiter seit Jahren zu unser aller Vergnügen und geistigen Gewinn erfolgreich betreiben.

Mit freundlichen Grüßen

Eugen Blume