Offener Brief der Märchenhütten und Monbijoutheater gGmbH an die BVV Mitte

Sehr geehrter Herr Gothe, sehr geehrte Damen und Herren der BVV Mitte,

das desaströse Missmanagement der Theater an der Museumsinsel gGmbH, die inzwischen ihre Pläne eines Bierzelts als „Märchenscheune“ aufgegeben sowie eine Bauruine im Monbijoupark und viele unbezahlte Rechnungen hinterlassen haben, erfordert ein sofortiges Eingreifen der zuständigen Überwachungsgremien und der BVV Mitte sowie eine Untersuchung der Vorkommnisse.

Die Schauspieler*innen der Theater an der Museumsinsel gGmbH haben trotz begonnener Proben für den Winter weder wie versprochen einen Vertrag bekommen noch wurden sie sozial- und krankenversichert oder haben ihren Lohn erhalten. Noch am 20.11.2019 haben die Fraktionen der SPD, Grünen und Linken in Mitte in einer gemeinsamen Presseerklärung für diese „legale Alternative“ zu den Märchenhütten geworben.

Unklar ist die Rolle von Sven Diedrich, Mitglied im Ausschuss Stadtentwicklung der BVV Mitte, dem die Überwachung der Umsetzung der Beschlussziele anvertraut wurde. Er hat unermüdlich für die Theater an der Museumsinsel gGmbH getrommelt, hat die Ausschuss- Mitglieder unkritisch deren Seriosität vermittelt und seit dem Sommer einen Dialog mit den Märchenhütten als „untragbar“ verhindert. Herr Sven Diedrich muss sich Fragen gefallen lassen, welche Verbindung zwischen ihm und dem Event-Manager und Gastronomen Matthias Stieler bestehen, den er in diese Gesellschaft mit eingebracht hat. Sollten Honorare geflossen sein, ist dies von ihm offenzulegen.

Sven Diedrich kannte die Probleme vor Ort, denn er hat aktiv an Gesellschafter- und Ensembleversammlungen teilgenommen und stand beratend konstant an der Seite von Maurici Farré und Matthias Horn (Leitung Theater an der Museumsinsel) im Austausch mit Politik und Bezirk.

Welche Begründung für eine Beseitigung der Märchenhütten nennen die Fraktionen? Es hätten sich im Monbijoupark „inakzeptable Zustände entwickelt“. Unklar bleibt, was damit gemeint sein soll. Tatsache ist, dass die Märchenhütten und Monbijou Theater gGmbH nach Maßgabe der Beschlüsse der BVV aus Dezember 2018 gegründet und konzeptioniert wurde. Alle Vorgaben zur Gemeinnützigkeit sind umgesetzt und der Mietvertrag mit der Humboldt Universität zur Aufrechterhaltung des Märchenbetriebes in der Wintersaison 2019/2020 ist unterzeichnet. Die erforderlichen Genehmigungen liegen vor oder sind beantragt, wobei festzuhalten ist, dass der Theaterbetrieb als solcher gemäß § 33a Abs. 1 Satz 2 GewO gerade nicht genehmigungspflichtig ist (Kunstfreiheit).

Mit dem Beschluss 1615/V vom 11.12.2018 wurden die Grundlagen für eine Genehmigung für öffentliche Nutzung und Veranstaltungen im Monbijoupark neu definiert und wichtige Reformen gefordert:

„In Partnerschaft mit dem Förderverein Freunde des Theaters im Monbijoupark Mittel, Wege und Bedingungen (z.B. öffentliche WC- Anlage, kommunale Bildungsangebote, gute Arbeit und faire Löhne, Sauberkeit im Park) zu erörtern, nach denen zukünftig Theater im Monbijoupark gespielt werden kann.“

Im Vertrauen auf eine konsequente Umsetzung dieser Bedingungen erteilte das Bezirksamt mit Unterstützung der BVV Mitte dem Theater an der Museumsinsel gGmbH den Zuschlag für eine kulturelle Nutzung des Parkgeländes im Sommer und für die Errichtung der „Märchenscheune“ im Winter.

Mittlerweile steht unstreitig fest: KEIN EINZIGER PUNKT wurde durch die neue Gesellschaft umgesetzt! Vielmehr wurde jeder einzelne Punkt bereits im Sommer grob missachtet.

Die Mitarbeiter wurden damit gedroht, keine Bezahlung zu erhalten, sollten diese den Verantwortlichen der Politik nicht schriftlich mitteilen, dass alles in Ordnung sei und alle zufrieden seien mit den Arbeitsbedingungen. Zuvor gab es heftige Kritik der Mitarbeiter an den Arbeitsbedingungen und an dem Führungsstil der Gesellschafter Matthias Horn und Maurici Farré. Mehrfach hatten Mitarbeiter hilfesuchend das Gespräch mit Sven Diedrich gesucht, und ihm über die eklatanten Missstände auf und hinter den Bühnen und den rüden, verantwortungslosen und missbräuchlichen Umgang mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen seitens der Verantwortlichen sowie der Geschäftsführung berichtet. Ohne Erfolg. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verließen aus Protest das Theater und wechselten fast geschlossen zur Märchenhütten und Monbijoutheater gGmbH.

Gleichzeitig hat die Märchenhütten und Monbijoutheater gGmbH die geforderten Reformen seit August mit großem Eifer umgesetzt, hat aber seitdem keinen einzigen Gesprächstermin mehr bei der Bezirkspolitik erhalten.

Schon im Sommer war allen Beteiligten klar, dass die von der BVV protegierte Theater an der Museumsinsel gGmbH nicht in der Lage sein würde, eine erfolgreiche Winterbespielung zu organisieren. So wurde der Bau der „Märchenscheune“ finanziert durch nicht bezahlte Rechnungen der Subunternehmer, Handwerker und Künstler*innen des Sommerbetriebes. Alle Hilferufe des Ensembles im Sommer wurden ignoriert!

Die Märchenhütten sind ein unsubventioniertes freies Theater mit über 50 langjährigen Mitarbeiter*innen auf und hinter der Bühne, die seit Wochen um ihren Arbeitsplatz bangen und trotzdem ein unfassbares Engagement zeigen, diesen Ort am Leben halten und nebenbei eine magische Winterspielzeit hinlegen. Es darf nicht ein weiterer charismatischer, unvergleichlicher Kulturort in Berlin-Mitte abgeschafft werden. Absolut nichts spricht gegen eine weitere Duldung sowie gemeinsame Verabredungen über Rahmenbedingungen für ein zukünftiges Theaterspiel in den Märchenhütten im Monbijoupark.

Heute mussten wir einer durch das Berliner Verwaltungsgericht vermittelten Einigung zustimmen. Die Märchenhütten dürfen bis zum Ende des Jahres weiterspielen, müssen aber dann die ursprünglich bis Ende Februar geplante Winterspielzeit abbrechen. Auch ihre Beseitigungsanordnung für die zwei über 100 Jahre alten Holzhütten im Monbijoupark steht weiterhin im Raum. Warum?

Der einseitig von der Bezirkspolitik aufgekündigte Dialog mit dem Team der Märchenhütten muss sofort wieder aufgenommen werden!

Mit hoffnungsfrohen Grüßen

Stellvertretend für das gesamte Team der Märchenhütten:

Vlatka Alec, Peggy Bachmann, Markus Braun, Samia Chancrin, Vlad Chiriac, Johannes Ehmann, Clarisse Fougera, Simon Fleischhacker, Christine Gold, Claudia Graue, Holger Güttersberger, Franziska Hayner, Roger Jahnke, Florian Kleine, Andreas Klopp, Rosa Landers, Andre Lewski, Thorsten Loeb, Isa Mehnert, Steffen Nitzel, Frederike Nölting, Carolin Ott, Anja Pahl, Julius Pfeiffer, Julia Pohl, Ilona Raytman, David Regehr, Camille Roduit, Anne-Sophie Schäfer, Christian Schulz, Tobias Schulze, David See, Sebastian Söllner, Melanie Stahl, Sandy Steimecke-Konrad, Vero Toledo, Stephan Weiland

Berlin, 19. Dezember 2019