Friede den Hütten!

Offener Brief einer glühenden Spielerin der Märchenhütten.

Der Brief geschrieben ist mit „Blut und nicht mit Blei“. (Nach einem jiddischen Kampflied von Hirsch Glik)

„Es ist keine Überraschung zu erfahren, welche Bedeutung unsere Volksmärchen für das Seelenleben haben. Bei einigen Menschen hat sich die Erinnerung an ihre Lieblingsmärchen an die Stelle eigener Kindheitserinnerungen gesetzt, sie haben sie zu Deckerinnerungen erhoben...Warum wären Sie alle sonst hier?“ (Zitat von Dr. Gold aus Frau Holle und Sigmund Freud, Märchenhütte Saison 2019)

Warum wären sie sonst alle hier. 100000 Zuschauer jedes Jahr. Warum kommen die Kinder und wollen ihre Kindergeburtstage hier feiern? Strahlende Augen, wenn Rotkäppchen sie nach der Vorstellung auf die Bühne holt und dem Kind einen Blumenstrauß überreicht. Ein Glücksmoment, der ein ganzen Leben erhalten bleiben wird. Der uns prägt und zu hoffnungsvollen Menschen macht. Zeigt mir ein Theater, wo es so etwas gibt!!! Eine solche Nähe zum Publikum. Ein wahres Miteinander. Warum kommen Erwachsene aus ganz Deutschland, um das zu erleben. Weil die Märchenhütten einzigartig und unverkennbar sind. Weil sie leben. Weil sie pulsieren. Einer der letzten einzigartigen Orte in einem Berlin, in dem alle leben wollten, um dieses Gefühl zu teilen, diese Ursprünglichkeit, dieses Familiengefühl in seiner Unperfektion, in seiner Unmittelbarkeit, in seiner Wahrhaftigkeit. In seinem staubigen Ascheglanz. Eben kein Hochglanz. In dieser unsubventionierten großen Idee von Menschen für Menschen gemacht. Lebendige Holzhütten, lebendige Schauspieler, lebendiges Feuer im Herzen aller und im Hof in der Feuerschale. Eine Idee, die sich hält gegen die Planierraupen, die alles platt machen, gegen Investoren und Immobilienmakler, die alles verschachern. Die unser Berlin verkaufen, oder durch falsche Entscheidungen magische Orte für immer verschwinden lassen.

Wir brauchen warme Herzen, ein reines Gefühl für eine Heimat für alle, und wir suchen eine Vereinigung zu finden über die Sprache der Märchen, über das Spiel, den unwiederbringlich gemeinsam gelebten Moment. Wir bedienen uns eines Volksguts, das wir kollektiv hervorgebracht haben, das uns allen gehört, die wir hier einstweilen auf Erden sind. Wir brauchen eine Kultur des „einander Zuhören“. In den Märchenhütten findet all das statt: eine Identitätsfindung aller Menschen auf wundersame Weise- ohne politische Ansagen und Dogmen. Es ist doch so einfach, Menschen zu verbinden... Ein Märchen, eine Holzhütte, zwei Schauspieler und Euch und alles erwacht zum Leben.

„Jeder Mensch sollte dem anderen helfen, nur so verbessern wir die Welt. Wir sollten am Glück des andern teilhaben und nicht einander verabscheuen. Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden und Mutter Erde ist reich genug um jeden von uns satt zu machen. Das Leben kann ja so erfreulich und wunderbar sein, wir müssen es nur wieder zu leben lernen. Die Habgier hat das Gute im Menschen verschüttet und Missgunst hat die Seelen vergiftet. Wir haben die Geschwindigkeit entwickelt, aber innerlich sind wir stehen geblieben, wir lassen Maschinen für uns arbeiten und sie denken auch für uns, die Klugheit hat uns hochmütig werden lassen und unser Wissen kalt und hart, wir sprechen zu viel und fühlen zu wenig, aber zuerst kommt die Menschlichkeit und dann erst die Maschinen. Vor Klugheit und Wissen kommt Toleranz und Güte. Ohne Menschlichkeit und Nächstenliebe ist unser Dasein nicht lebenswert.“

(Zitat vom Wolf aus „Drei Kleine Schweinchen“ und Charly Chaplin, Märchenhütte Saison 2019) Ich habe schon ein bißchen Theater gespielt in den letzten Jahren, aber ich habe nie ein so lebendiges Theater erlebt, Menschen, die mit all ihrer Leidenschaft ohne Netz und doppeltem Boden, mit vollem existentiellen Risiko bis in die Nacht, bis zum Morgengrauen zusammen daran arbeiten, dass gespielt wird, dass die Kinderaugen leuchten, dass die Erwachsenen Tränen lachen. Ich habe es erlebt! Und sogar ich musste auf der Bühne lachen. Wisst ihr, was das für eine Freiheit ist, auf der Bühne aussteigen zu dürfen, um sich den Bauch vor Lachen zu halten? Und dein Publikum zu erleben, dass diesen Moment trägt? Es gibt kaum ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. Glaubt mir. Jedes Stadttheater ist ein toter Ort dagegen. Dahin kommen Zuschauer, um ein Schläfchen zu halten. Nicht so bei uns. Da wird gelacht, geweint, reingerufen, gemeinsam gelernt, man erzählt miteinander die wunderbare GESCHICHTE VOM LEBENDIGEN AUGENBLICK. Vom Jetzt.

Und da ist ein Team, das alle Dimensionen, die ein Team erfüllen muss, erfüllt. Da sind die Techniker, die (neben tausend anderen Dingen) die Hütten wischen wenn alle nach Hause gegangen sind und dabei strahlen und man umarmt sich und freut sich auf den nächsten Tag, da sind die Assistenten, die den Namen „König“ tragen müßten, für Ihren Einsatz, der ALLES umfasst und ohne diese Goldstücke gar nichts laufen würde. Ich kenne dort einen, der hat sich die Sohlen durchgelaufen (und das ist kein Witz!), wie in den zertanzten Schuhen, weil er rennt von früh bis spät, dass alles klappt. Da sind die Gewerke, die grandiose Arbeit leisten und locker in der Staatsoper unter den Linden ein Plätzchen finden könnten, wenn es in den Märchenhütten nicht „tausendmal schöner“ wäre. Bis zum Mann, der unten im Park die Klos sauber hält. Da ist die Schauspielerin, die völlig kaputt nach 8 Vorstellungen, aber singend nachts nach Hause fährt zu ihren Kindern, die rotbäckig schlafen und im Schlaf noch fragen, dürfen wir morgen wieder mit in die Märchenhütten? Es ist eine große Familie. Es flackert ein Feuer im Hof unter dem Fernsehturm und in unseren Herzen. Fühlt das Feuer auch in Euren Herzen! Liebe Politiker, ihr seid doch für die Familie. Als kleinste funktionierende Zelle im Staat. Und wenn diese kleinste Zelle funktioniert, funktioniert auch ein Staat. Erhaltet diese Familie! Kommt in die Hütten und schaut Euch an, warum so viele Menschen in der Stadt genau das lieben und warum wir es brauchen. Was soll ich meinen Kindern erzählen, warum es die Märchenhütten nicht mehr geben soll? Wenn ihr das plausibel einem Kind erklären könnt, dann bin ich bereit zu gehen. Wir Erwachsenen wissen, dass das Leben kompliziert ist und, dass es darum geht, konsequent zu sein und sein Gesicht zu wahren und um Glaubhaftigkeit. Und, dass es Entscheidungen gibt und richtige und falsche. Bitte trefft die richtige Entscheidung. Erhaltet die Hütten! Schickt uns nicht in den Wald. Da wartet kein Pfefferkuchenhaus auf uns mit Fenstern aus hellem Zucker. Da wartet nur das Jobcenter. Das kann die Stadt nicht wollen: ein unabhängiges Theater, das ohne jegliche Zuschüsse ca. 70 Leute am Leben hält, zu schließen.In der Geschichte vom Armen und vom Reichen (zu sehen in der Märchenhütte, Saison 2019) werden den Armen drei Wünsche gewährt: das nothdürftig Brot, ewige Glückseligkeit und eine neue Hütte. Wir wollen nicht mal eine neue Hütte. WIR WOLLEN NUR DIE ALTE ERHALTEN, lasst uns unser nothdürftig Brot selber weiter verdienen. Gewährt uns Glückseligkeit. Lasst uns spielen. Lasst uns arbeiten. Lasst uns Kinder und Erwachsene glücklich machen. Lasst uns dieses einzigartige Berlin erhalten. Lasst uns leben! Lebt mit uns! Mehr wollen wir nicht.

FRIEDE DEN HÜTTEN!!!

Peggy Bachmann im Dezember 2019